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Ex-geschützte Gehäuse für nicht explosionsgeschützte Geräte

9. Januar 2026 durch
Ex-geschützte Gehäuse für nicht explosionsgeschützte Geräte
seeITnow GmbH, Jörg Brinkmann
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Technische Einordnung, normative Grenzen und warum druckfeste Kapselungen kein mobiles Konzept sind


1. Einordnung: Was ein Ex-Gehäuse ist – und was nicht

Ein explosionsgeschütztes Gehäuse ist kein explosionsgeschütztes Gerät, sondern Teil eines bewerteten Gesamtsystems.

Der Explosionsschutz entsteht ausschließlich durch die Kapselung, nicht durch das eingesetzte Betriebsmittel.

Normativ ist entscheidend:

  • Bewertet wird das vollständige System

  • Nicht das einzelne, eingelegte Gerät

  • Die Zündquelle darf vorhanden sein, muss aber sicher eingeschlossen oder beherrscht werden

➡️ Das Betriebsmittel im Inneren bleibt technisch nicht explosionsgeschützt.

2. Relevante Zündschutzarten bei Ex-Gehäusen

Ex d – Druckfeste Kapselung

  • Innere Explosion zulässig

  • Kein Flammen- oder Druckdurchschlag nach außen

  • Massive Bauweise zwingend erforderlich

  • Öffnen im explosionsgefährdeten Bereich unzulässig

Normative Basis (sicher):

  • EN IEC 60079-0 – Allgemeine Anforderungen

  • EN IEC 60079-1 – Druckfeste Kapselung „d“


Ex p – Überdruckkapselung

  • Schutz durch Spülung / Überdruck

  • Kontinuierliche Überwachung erforderlich

  • Abhängigkeit von Energieversorgung und Sensorik

  • Erhöhter organisatorischer und technischer Aufwand

Normative Basis (sicher):

  • EN IEC 60079-0

  • EN IEC 60079-2 – Überdruckkapselung „p“


Ex e – Erhöhte Sicherheit (nur ergänzend)

  • Für Klemmen, Anschlüsse, passive Komponenten

  • Keine aktiven Zündquellen

  • Kein eigenständiges Schutzkonzept für Elektronik

Normative Basis (sicher):

  • EN IEC 60079-7 – Erhöhte Sicherheit „e“

➡️ In der Praxis werden diese Zündschutzarten häufig kombiniert, was Planung, Bewertung und Betrieb komplexer, nicht einfacher macht.

3. Thermisches Verhalten – der kritische Punkt

Nicht explosionsgeschützte Geräte sind nicht für:

  • definierte maximale Oberflächentemperaturen

  • Worst-Case-Lasten

  • Fehlerfallbetrachtungen im Ex-Umfeld

ausgelegt.

Im Ex-Gehäuse verschärfen sich die Randbedingungen:

  • eingeschränkte Wärmeabfuhr

  • Wärmestau

  • lokale Hotspots (CPU, Ladeelektronik, Netzteile)

➡️ Die Temperaturklasse (T-Klasse) gilt immer für das Gesamtsystem und muss messtechnisch nachgewiesenwerden.

Normative Basis (sicher):

  • EN IEC 60079-0 – Temperaturgrenzen und Prüfanforderungen

4. Stationäre Anwendungen – normativ und praktisch sinnvoll ✅

Typische Anwendungen:

  • Steuer- und Schaltschränke

  • Industrie-PCs

  • Netzteile, Umrichter

  • Kameras, Funk- und Messtechnik

Warum Ex-Gehäuse hier funktionieren:

  • feste Montage

  • kein Bedienzugriff im Ex-Bereich

  • Gehäuse bleibt geschlossen

  • Wartung nur in freigemessener Umgebung

➡️ Für stationäre Anwendungen sind Ex-Gehäuse Stand der Technik und normativ sauber beherrschbar.

5. Mobile Anwendungen – hier entstehen die Probleme ❌

Die zentrale Frage:

Wer möchte eine druckfeste Kapselung tatsächlich tragen und bedienen?

Die sachliche Antwort:

Druckfeste Kapselungen sind konstruktiv nicht für Mobilität gedacht.

6. Warum Ex-d konstruktiv kein mobiles Konzept ist

Eine druckfeste Kapselung erfordert:

  • dickwandige Gehäuse (Aluminium oder Edelstahl)

  • massive Flansche

  • lange Zündspalte

  • verschraubte Deckel mit definiertem Drehmoment

Konsequenzen:

  • hohes Gewicht (oft mehrere Kilogramm)

  • sperrige Bauform

  • eingeschränkte Ergonomie

  • Öffnen nur mit Werkzeug

  • Öffnen im Ex-Bereich unzulässig

➡️ „Tragbar“ bedeutet hier meist nur: theoretisch transportierbar.

7. Öffnen und Akkuwechsel im Ex-Bereich – fachlich korrekt eingeordnet

Es ist kein Standard, dass explosionsgeschützte Geräte im Ex-Bereich geöffnet oder der Akku gewechselt werden darf.

Im Gegenteil:

  • Die meisten Ex-Geräte sind so ausgelegt, dass

    • Akkuwechsel außerhalb des Ex-Bereichs erfolgt

    • das Gerät im Ex-Bereich geschlossen bleibt

Das ist:

  • normativ zulässig

  • betrieblich üblich

  • sicherheitstechnisch sinnvoll

Die wenigen Ausnahmen

Es existieren wenige, speziell ausgelegte Ex-Geräte, bei denen:

  • Akkuwechsel oder definierte Öffnungsvorgänge im Ex-Bereich erlaubt sind

Diese Ausnahmen erfordern:

  • eigensichere Energiekonzepte

  • konstruktive Trennung von Zündquellen

  • erhöhten Prüf- und Zertifizierungsaufwand

➡️ Sie sind die Ausnahme, nicht die Regel.

8. Der systemische Unterschied zum Ex-Gehäuse

Der entscheidende Unterschied bleibt:

  • Bei Ex-Geräten ist das Öffnungs- oder Akkuwechselkonzept Teil der Zertifizierung

  • Bei Ex-Gehäusen ist jedes Öffnen im Ex-Bereich grundsätzlich unzulässig, da:

    • das eingelegte Gerät nicht explosionsgeschützt ist

    • der Ex-Schutz ausschließlich durch die Kapselung entsteht

➡️ Das ist kein Detail, sondern ein grundlegender Systemunterschied.

9. Betreiberverantwortung und Organisation

Der Einsatz eines Ex-Gehäuses für mobile oder benutzerinteraktive Anwendungen verlagert Verantwortung:

  • vom Hersteller

  • zum Betreiber

Mit Folgen:

  • detaillierte Gefährdungsbeurteilung

  • Betriebs- und Arbeitsanweisungen

  • Schulungspflichten

  • erhöhtes Haftungsrisiko

Rechtlicher Rahmen (sicher):

  • ATEX-Richtlinie 2014/34/EU (Geräte)

  • BetrSichV (DE) – Betreiberpflichten

  • TRGS 720 ff. – Explosionsschutz (DE)

10. Sachlicher Vergleich

KriteriumEx-GehäuseEx-Gerät
Stationärer Einsatz
Mobiler Einsatz
Öffnen im Ex-Bereich⚠️ meist nicht
Akkuwechsel im Ex-Bereich⚠️ selten
Öffnungskonzept zertifiziert
Ergonomieschlechtpraxistauglich
Betreiberaufwandhochmoderat
Normative Robustheitbegrenzthoch

⚠️ = nur bei speziell dafür zugelassenen Geräten

11. Fachliches Fazit

Ex-geschützte Gehäuse sind kein Ersatz für explosionsgeschützte Geräte, sondern ein stationäres Schutzkonzept.

Sinnvoll, wenn:

  • stationär

  • geschlossen

  • überwacht

  • klar organisiert

Kritisch, wenn:

  • mobil

  • benutzerinteraktiv

  • häufig geöffnet

  • thermisch anspruchsvoll

Druckfeste Kapselungen sind dafür gebaut, stillzustehen – nicht dafür, getragen zu werden.

Wer Mobilität braucht, braucht kein Ex-Gehäuse, sondern ein echtes explosionsgeschütztes Gerät.

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