Der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft schreitet europaweit schnell voran. Elektrolyseanlagen, Speicherlösungen und Wasserstoff-Tankstellen entstehen derzeit in Industrie, Energieversorgung und Logistik.
Was dabei häufig unterschätzt wird:
Wasserstoff stellt deutlich höhere Anforderungen an den Explosionsschutz als klassische Brenngase wie Methan oder Propan.
Ein aktueller Fachbeitrag der Chemie Technik zeigt deutlich, warum bestehende Sicherheitskonzepte nicht einfach übertragen werden können.
Warum Wasserstoff explosionsschutztechnisch besonders kritisch ist
Wasserstoff besitzt Eigenschaften, die ihn aus Sicht des Explosionsschutzes zu einem der anspruchsvollsten Prozessgase machen:
Explosionsbereich: ca. 4 bis 75 Vol.-%
extrem geringe Mindestzündenergie
sehr hohe Flammgeschwindigkeit
kaum sichtbare Flamme
sehr kleine Molekülgröße → hohe Leckagewahrscheinlichkeit
Bereits kleinste Undichtigkeiten können zur Bildung explosionsfähiger Atmosphären führen. Bereiche, die bei Erdgas noch als unkritisch gelten, können bei Wasserstoff schnell zu ATEX-Zonen werden.
ATEX-Grundprinzip bleibt – Anforderungen steigen
Die grundlegende ATEX-Systematik bleibt bestehen, muss jedoch konsequenter umgesetzt werden.
Primärer Explosionsschutz
Vermeidung der Freisetzung:
hochwertige Dichtungssysteme
gasdichte Verschraubungen
kontinuierliche Gasüberwachung
geprüfte Armaturen
Sekundärer Explosionsschutz
Vermeidung wirksamer Zündquellen:
geeignete ATEX-Geräteauswahl
konsequenter Potentialausgleich
elektrostatische Ableitung
kontrollierte Oberflächentemperaturen
Gerade mobile Geräte oder Beleuchtungssysteme werden hier häufig falsch bewertet.
Tertiärer Explosionsschutz
Begrenzung der Auswirkungen:
Explosionsdruckentlastung
konstruktiver Explosionsschutz
Flammensperren
sichere Anlagenlayouts
Typische Planungsfehler bei Wasserstoffprojekten
Aus der Praxis zeigt sich aktuell ein wiederkehrendes Muster:
ATEX-Geräte werden ohne Bewertung für Wasserstoff eingesetzt
Temperaturklassen werden falsch interpretiert
Erdungs- und Ableitkonzepte fehlen
Lüftung wird überschätzt
mobile Endgeräte werden nach Gasgruppe statt realem Risiko ausgewählt
Wasserstoff diffundiert deutlich schneller als andere Gase und sammelt sich bevorzugt in oberen Anlagenbereichen oder geschlossenen Konstruktionen.
Dadurch entstehen Zonen häufig dort, wo sie ursprünglich nicht erwartet wurden.
Wasserstoff verändert die ATEX-Praxis
Explosionsschutz wird bei Wasserstoffanwendungen stärker zu einem Planungsthema statt einer nachträglichen Gerätauswahl.
Bereits in frühen Projektphasen müssen berücksichtigt werden:
Gasgruppe IIC
geeignete Zündschutzarten
Sensorik und Monitoring
Wartungs- und Servicezugänge
Fazit
Wasserstoff macht Explosionsschutz nicht grundsätzlich neu — aber deutlich anspruchsvoller.
Unternehmen, die bestehende Erdgas- oder Chemieanlagenkonzepte unverändert übertragen, erhöhen das Risiko erheblich. Entscheidend ist eine frühzeitige Bewertung der tatsächlichen Zonenbildung und der eingesetzten Betriebsmittel.
Der vollständige Fachartikel ist hier verfügbar: